Mattologische Betrachtung
.... (nur mit Nase lesen)

Er hatte sie wieder gefunden, Gelsomina ..... und keine Worte vor lauter Freude.

Es pochte in seiner Brust wenn er ihr begegnete. Ahnte sie, dass er den Hörer weit von sich hielt, wenn er mit ihr sprach. Nur so konnte er Worte finden, mit ihr reden. Ihre Nähe verzauberte ihn immer mehr. Beim Telefonieren war er ihr so nah, Mund an Ohr, dass ihm die Stimme versagte.

Am letzten Wochenende waren sie zusammen Aufgetreten, hatten wieder gespielt. Diesmal hatten die Zuschauer applaudiert. Ein Anfang.
Wie der alte Schlappen an ihrem linken Fuß fühlte er sich, den Sie immer und immer wieder mit ihrem Fußballen bearbeitete, wenn weiße Brötchen auf dem Tisch standen. Ganz nah, gedrückt von ihrer sanften Ferse, hin und her geschoben zwischen den duftenden Zehen und der Fußwölbung. Jede Linie zwischen großer Zehe und Fußsohle gab ihm die Gewissheit, gut aufgehoben zu sein. Jeder Tritt, jeder sanfte Druck während ihres immer ruhiger werdenden Frühstücks machte ihm wieder und wieder klar, wie wunderbar er sich bei weißen Brötchen als alter Schlappen an ihrem Fuß fühlte.

Auch wenn es eine schlechte Angewohnheit von ihr war, beim Brötchen essen den Schlappen am linken Fuß ständig in seine Schranken zu weisen. Er fand das herrlich.
Plötzlich fühlte er vor lauter Wohlgefühl und Freude eine mächtige Kraft in sich. Gelsomina schreckte ein wenig zurück, als sie merkte, dass der alte Schlappen an ihrem Fuß zu wachsen begann. Ihr Schreck war nur ein kleiner und dauerte einen winzigen Moment. Denn Sie merkte eine lächelnde Kraft. Der zierliche Hausschuh wurde größer und größer. Er schlüpfte allmählich unter
dem Frühstückstisch hervor, langsam unter der herabhängenden Tischdecke vorbei bis hinauf über die Tischplatte, in den Raum vor ihr und dem östlichen Fenster, durch das die Sonne spätmorgendlich schimmerte. Seine Konturen blieben aber länglich und platt, vorerst. Sie konnte die Augen nicht von ihm lassen, so häßlich und groß wurde er.

Gebannt starrte sie ihn an, rümpfte die Nase. Aus ihm wurde langsam aber unverkennbar ein ramponierter, alter, zotteliger Zeppelin. Größer, immer größer und luftiger.
Haben Sie schon mal einen zotteligen und alten luftigen Zeppelin gesehen? Sie würden staunen. Doch weiter, denn die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Seine Farbe wechselte von einem melierten ich weiß nicht mehr genau zu einem rosigen Rot. Rosig wie ihre Füße nach dem Duschen und Abtrocknen. Denn das hatte sich der alte Schlappen schon immer gewünscht. Rosig, duftend wie neu.
Nur klappte nicht immer alles, wie er es sich wünschte. Er begann zu schweben, zu fliegen, nahm ein immer größeres Volumen an. Gelsominas Nasenlöcher bebten. Der rosarote Zeppelin schwebte vor ihren Augen, vielleicht 70 oder 75 Zentimeter entfernt. Er hatte plötzlich wie von Zauberhand das Gesicht eines Clowns (rote Nase, riesig roter Mund, exotische Ohren und Kulleraugen, die kein Wässerchen trüben konnten). Etwas passte nicht ins Bild, denn der Zeppelin roch unbeschreiblich .... aber nicht wie
frisch gebadet sondern nach gestern gewaschenen Füßen. Komisch. Es hätte schlimmer kommen können. Gelsomina rümpfte die Nase, doch ihre Neugier siegte schnell über die beleidigten Geruchsnerven.
Seine wie Semmelknödel geformten Ohren gefielen ihr sofort. Ihre Fantasie klopfte in der Brust. Gelsomina kam eine Idee: Mit beiden Zeigefingern berührte Sie leicht die Wangen des schwebenden rundrosigen Etwas. Er blickte ihr tief in die Augen und lächelte, sprachlos. Sie führte den Zeppelin näher zu sich, sein linkes Ohr vor ihren Mund. Sie spürte, wie gern er das mochte.
Schließlich war es ihr alter Schlappen, der scheinbar auf Weltreise gehen wollte. Sie spitzte Ihre Lippen, beugte sich ein wenig vor. Während sie nur unsagbares in sein Knödelohr flüsterte spürte sie etwas feuchtes, suchendes, schnüffelndes auf ihrem linken Handrücken ........... Ihr Hund hatte sie mit einem Schleck und einem Stups geweckt. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen, sah die vertraute, vor einem halben Jahr dunkelblau gestrichene und von goldfarbenen Sternen übersäte Stuckdecke weit über sich. Ihr war kuschelig warm unter der wollenen Decke. Die Lebensgeister purzelten in den Tag hinein. Gelsomina setzte sich allmählich auf, rieb die Nacht aus den Augen und schmunzelte Sie streckte sich, reckte die Arme, stand auf und ging in die Küche.

Ihr Mund blieb offen stehen und ihre Nase verweigerte der Luft den Eintritt. Was Gelsomina sah, war unglaublich. "Der Zeppelin", rief sie leise: "Mein fliegender Schlappen - also doch kein Traum!"
"Kein Traum liebe Gelsomina, kein Traum. Ich bin´s Matto. Ich wollte dir sagen, deine Stimme, deine Worte, deine Blicke und deine Füße ..... ich habe sie wieder gefunden. Du warst großartig am letzten Wochenende, Freitag und Samstag. Schon am Sonntag
habe ich dich vermisst, mich gefragt, was du grade machst, von Dir geträumt. Wie es mir heute ergeht, kannst Du ahnen. Wir müssen unbedingt weiter miteinander arbeiten......wann ........".
Matto wurde unsanft geweckt.
Der Wecker hörte und hörte nicht auf zu klingeln. Mattos Schlaf war unruhig gewesen, wie so oft in diesen Tagen. Er hatte während der Nacht und wie von Geisterhand gedreht, das Fußende seiner Bettdecke auf dem Kinn liegen. Er rümpfte die Nase, dann stand er auf.
Schon unter der Dusche schmiedete Matto Pläne, Pläne so konkret wie Schlappen mit Weißbrot und Knödeln ...... und er dachte an Gelsomina und wünschte sich das Unsagbare in sein Ohr. Wann würde er endlich den Hörer ganz nah an ihren Mund halten und mit ihr sprechen können.

(c)Wolfgang Allinger
www.zak-konzept.de



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