SONNENKIND
Vollkommenes Wesen, zahnlos lächelnd, strahlend erfüllst du
die mütterliche Welt.
Unkritisch, symbiotisch erliebst du dir alles. Deine Bedürfnisse
zählen.
Dein erstes Zähnchen schlägst du nun genießerisch in
die weiche Brust, die dich ernährt.
Die Welt wird täglich größer. Du lernst und lernst,
erst krabbeln, gehen, dann denken.
Das erste NEIN begreifst du nicht. Das erste NEIN tut weh.
Es ist zu deinem Schutz, doch du nimmst es persönlich.
Der Ofen: heiß! Der Regen nass, du könntest dich
erkälten.
Die Pfützen platschen doch so schön, du weinst, fühlst
dich betrogen.
Du willst doch nur den Sand mal kosten und Mama wird gleich böse.
Ein Kind nimmt dir die Schaufel weg, du schlägst es auf den Kopf.
Mama schimpft, wie ungerecht, die Schaufel ist doch deine.
Die ersten dunklen Schatten wachsen in der Sonnenseele.
Du spürst sie nur, verstehst sie nicht, wirst du sie je begreifen?
Jetzt kannst du rennen wie der Wind und schlägst die Knie dir
blutig.
Der erste Zorn, du brüllst ihn raus: Mama, lass mich los!
Mama lässt die Arme sinken, hält dich nicht mehr fest.
Lässt dich rennen, lässt dich leben, wünscht dir alles
Glück der Welt.
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