
(c)Besso
Kusiani
Sportsgeist
©Rieger/Lasar
„Himmel, was ist das heut
wieder fad ...“
„Du könntest dir mit dem
Verbuchen der Eingangsrechnungen die Zeit vertreiben.“ Linda lackierte
ihre Nägel.
„Ach nö. Das heb ich
für die Neue auf. Wann kommt die eigentlich?“
„Sie sollte jeden Moment da
sein, wenn sie pünktlich ist.“
Linda schraubte das
Nagellackfläschchen mit spitzen Fingern zu und verstaute es in der
Schreibtischlade. Dann fächelte sie mit den Händen, um die
Pracht trocknen zu lassen.
Kitty wogte in ihrer
Üppigkeit durch das Büro und pflanzte ihren Hintern auf
Lindas Schreibtisch. Die Kollegin war zaundürr, busen- und
hüftlos.
„Na, was sagst?“ Sie streckte
Linda ihr vollendetes Werk entgegen: silber-violett gestreifte
Studionägel. Kitty stieß spitze Schreie des Entzückens
aus.
In diesem Moment wurde die
Tür aufgerissen und der immer dynamische Juniorchef der
Steuerberatungskanzlei kam elastischen Schrittes herein. Kitty sprang
vom Schreibtisch. Hinter dem Chef stand die Neue.
„Darf ich vorstellen, das ist
Christine.“ Der
Juniorchef legte den Arm um Christines Schultern.
„Christine, das sind Linda
und Kitty, deine Kolleginnen. Wir nennen uns alle beim Vornamen. Ich
habe ein paar Semester in den USA studiert und finde das prima.“
Christine strich sich
mechanisch eine nichtvorhandene Harrsträhne aus der Stirn.
Hörte damit auf, als ihr neuer Chef die Umarmung löste.
„Ich erwarte eure volle
Unterstützung, meine Damen. Auf gute Zusammenarbeit, nicht wahr!“
Junior nickte langsam, betonte das Wort ‚Zusammenarbeit’
überdeutlich. Dann stob er davon. Christine blieb mitten im Zimmer
stehen und sah sich um.
Wie auf Kommando
kräuselten Kitty und Linda die rot ausgemalten Lippen. „Herzlich
willkommen!“, erklang das Duett, sie streckten ihr die Hände
entgegen.
„Danke ...“, flüsterte
Christine und ging im Krebsgang zu dem dritten Schreibtisch. Ihr
unsteter Blick wanderte von einem Möbelstück zum
nächsten, streifte aber niemals die Kolleginnen. „Ist das mein
Arbeitsplatz?“, sagte sie zum Teppichboden. Ohne eine Antwort
abzuwarten strich sie über die Schreibtischunterlage. Christine
schob die Schreibtischlampe von rechts nach links und sortierte die
Stifte der Größe nach. Dann verharrte sie, biss auf ihrer
Unterlippe herum. Wie eine Marionette stakste sie zur Tür. „Bis
morgen“, sagte sie und ging hinaus. Linda rührte sich erst nach
einer Schweigeminute. Sie schubste Kitty mit dem Ellbogen in die Seite.
„Na ...?“
Die Kollegin seufzte, zog den
knappen Pullover über die drallen Hüften.
„Tja ...“, sagte sie.
Linda stöckelte hinter
ihren Schreibtisch zurück, Kitty zu dem ihren.
„Erinnerst du dich noch an
diese Klara was-weiß-ich? Die wir über zwei Monate hier
hatten. Das war eine schlechte Leistung. Wir dachten schon, sie
würde bleiben.“, sagte Linda. Planlos schichtete sie einen
Aktenberg um, dann wieder zurück.
„Ja! Aber dann warf sie ja
doch noch das Handtuch.“ Kitty kicherte.
„Die in Orangensaft
getränkten Akten hat sie nicht überlebt.“
Linda entblößte
ihre Zähne. „Erinnerst du nicht noch, wie alles anfing vor drei
Jahren?“
“Als wäre es gestern
gewesen ...“, antwortete Kitty, „ich weiß sogar noch, wie die
geheißen hat: Gundula Hirsch.“
„Haha, die Hirschkuh! Da
waren wir zwei noch nicht so meisterlich wie heute. Aber immerhin, die
Fotomontage von ihr mit Junior. Das Gesicht der gehörnten Ehefrau
hätte ich gern gesehen ... damals war er wirklich ein Junior. Aber
naiv ist er heute noch. Es ist seine Schuld, dass wir diesen Sport
treiben.“
„Na sicher doch! Seit damals
will er uns alle paar Monate eine Neue aufs Auge drücken, aber
nicht mit uns, was?
Womöglich will diese da
sich auch profilieren und unseren gemütlichen Arbeitsplatz damit
gefährden. Junior schwärmte ja in den höchsten
Tönen von ihren Referenzen ...“
„Apropos“, sagte Kitty. „Die
Steuererklärungen Meyer, Klingel, Maringer sollten bis gestern aus
dem Haus. Vielleicht sollten wir ...“
Linda zog einen Flunsch. „Och
nö, das heben wir für Christine auf.“
„Ist das mein Arbeitsplatz?“
äffte Linda sie nach.
„Recht hast du!“ antwortete
Kitty, „außerdem verschwindet Junior gleich zum Golfen, ich geh
dann zum Friseur. Übrigens habe ich uns was Feines mitgebracht.“
Sie zog eine Schachtel mit Konfekt aus der Lade.
Christine saß schon an
ihrem Schreibtisch, als Linda und Kitty verspätet das Büro
betraten. Stumm blieb sie in die Papiere vertieft, reagierte nicht auf
den Guten Morgen Gruß. Die beiden verdrehten die Augen. Kitty
stampfte wie jeden Morgen zum Fenster, öffnete es.
Außer Frischluft drang eine Menge Lärm herein.
Motorengeräusche, Gehupe, das schrille Geläut der Tram.
Christine fuhr hoch und knallte das Fenster zu. Die plötzliche
Stille war atemberaubend und Linda machte ein zorniges Gesicht.
„Erlaube mal!“ Sie riss das Fenster wieder auf und verstellte Christine
den Weg.
Der Junior steckte seinen
Kopf durch die Tür. „Guten Morgen, meine Damen.“ Er rieb sich mit
beiden Händen die Oberarme. „Brrrr, machen Sie doch um Himmels
willen das Fenster zu. Es ist Dezember! Wir wollen doch nicht, dass
Christine sich erkältet, nicht wahr? Das wäre ein
großer Schaden für die Kanzlei, nicht wahr? Bitte stellen
Sie die nächste Stunde keine Anrufe durch.“ Er knallte die
Tür hinter sich zu. Kitty und Linda tauschten Blicke. Kurz
darauf verließen sie hoch erhobenen Hauptes und mit
herausgestreckter Brust das Zimmer.
„Plan B, Kitty!“ murmelte
Linda und schloss hinter sich zu. Kitty plumpste auf den Klodeckel.
„Plan B, Plan B, etwas
deutlicher, bitte!“
„Na hör mal, verrenke
dir ruhig auch mal das Hirn, oder kannst du nur Pralinen fressen?“
Kitty hielt die Luft an. Ihr
Gesicht wurde dunkelrot.
„Nicht aufregen, bitte, ich
habe es doch gar nicht so gemeint!“
„Das fehlte noch, dass wir
uns jetzt in die Haare kriegen. Also los, was schlägst du vor?“
Die Klinke bewegte sich.
„Besetzt!“, schrie Linda, „kann man nicht mal in Ruhe sch….“
Kitty legte den Zeigefinger
an die geschminkten Lippen.
„Das ist sie“, flüsterte
Linda und grinste böse. Kitty fing an, die Klopapierrolle
abzuwickeln, formte Bällchen, hievte ihren Körper vom Deckel
und ließ die Papierbällchen in die Schüssel fallen.
Linda nickte anerkennend. Sie
presste das Ohr auf die Tür. „Nichts.“ ,
öffnete und tippelte in
die Kaffeeküche. Kitty spülte einmal und als es zu gurgeln
anfing, folgte sie ihrer Kollegin.
Christine atmete auf, als die
Toilette endlich frei war. Mit einem Sprühfläschchen Sagrotan
machte sie sich an die Arbeit, hob den Deckel hoch und drückte den
Knopf mit verzogenem Gesicht. Sie erstarrte. Milchige Schleier drehten
sich wie Geister in der Schüssel, kleine Luftblasen kamen an die
Oberfläche. Sie ließ den Deckel fallen und rannte ins
Herrenklo.
Als sie ihre Hose hochzog,
bewegte sich die Klinke.
„Gibt es hier noch einen Mann
außer mir?“ Der Junior entfernte sich.
Christine hielt die Hand vor
den Mund, blieb reglos. Kurz darauf knallte eine Tür.
„Lindaaah, Kittiieeeh,
iieehh! Was ist denn das für eine Sauerei? Nachdem ihr die
Reinigungsfrau so schikaniert habt, dass sie krank geschrieben ist, bringt das sofort wieder in
Ordnung!“
Christine ging unbemerkt ins
Büro zurück.
Lindas Rückenwirbel
zeichneten sich durch die Dolce&Gabbana Bluse ab, wie die
zackenartigen Verknöcherungen eines Sauriers, so tief beugte sie
sich über Juniors Schreibtisch.
„Die ist doch nicht ganz
richtig im Kopf!“ zischte sie. Kitty stand dahinter und tätschelte
Lindas Rücken. Sie nickte bestätigend, das Doppelkinn wippte.
„Seit einer Woche geht das so mit der! Meine Nerven sind
zerrüttet, Junior. Allein schon, wie sie dauernd auf der
Innenseite ihrer Unterlippe herumkaut. Ekelig! Dann lässt sie uns
nie lüften, nie! Und zu allem, ewig diese beschissene Musik vom
Discman, Stunde um Stunde, den ganzen Tag. Ich kann es nicht mehr
hören!“
Linda richtete sich
auf. Junior wischte sich über die Stirn. „Was für Musik
ist es denn?“
„Keine Ahnung“, antworte
Linda ihr Pfefferminz kauend. Kitty schlug mit der Faust gegen die
Handfläche. „Ich habe mal nachgeschaut“, sie wackelte mit dem
Kopf, „Klaviersonaten, gespielt von einem David Helfgott. Ich hab das
Gedudel im Ohr, sogar beim Einschlafen, als würde der kleine Mann
in meinem Ohr auf einem Klavier herumhämmern.
Junior. Nicht auszuhalten,
echt! Dann tut sie ständig so, als wäre alles, was wir sagen,
Blödsinn! Sie macht immer das Gegenteil von dem, was man erwartet.
So geht das nicht weiter!“
Den letzten Satz wiederholte
Linda und stampfte mit dem Fuß auf.
Juniors Blick glitt in die
Ferne. „David Helfgott ... den Namen kenne ich doch ...“ Er klatschte
sich auf den Schenkel. „Ja, natürlich! Ein begnadeter Pianist!
Sein Leben wurde verfilmt. ‚Shine’. Ein Genie, er war jahrelang in der
Nervenheilanstalt. Genie und Wahnsinn, sozusagen ...“
„Diese Person in unserem
Büro ist auch wahnsinnig! Bitte, Chef, tun Sie was!“
„Warum sollte ich? Ihre
Zeugnisse sind hervorragend und in Buchhaltung ist sie unschlagbar. Sie
arbeitet schnell und gewissenhaft. Also bitte, meine Damen,
reißen Sie sich zusammen!“ Damit scheuchte er Linda und Kitty wie
lästige Fliegen aus seinem Zimmer.
„Ah!“, ertönte Lindas
Stimme aus dem Büro über den Flur, dann ein ‚Psst’, aus
Kittys Mund. Junior verschloss die Ohren und schickte seiner Ehefrau,
die damals nach der getürkten Fotosache durch sein
Bußgeschenk, einem schnittigen Alpha Spider, versöhnt worden
war, eine SMS: Diese Weiber sind einfach grauenhaft,
Liebes.
Währenddessen
wüteten Kitty und Linda in und auf Christines Schreibtisch. Das
Objekt ihres Hasses hatte heute einen freien Tag. Sie warfen
sämtliche Akten durcheinander, mischten die Belege wie Spielkarten und hinterließen
einen zerfledderten Haufen. Kitty riss die Schubladen auf,
durchwühlte Christines akribische Ordnung, sogar die Bonbons, die
sie ihr immer wieder angeboten hatte, waren nach Farben von hell bis
dunkel aufgereiht. „Wieso isst die nicht, was ich ihr schenke?“ Sie
nahm gleich drei der Pralinen und stopfte sie bebend vor Zorn in den
Mund. Die Schokolade quoll heraus und setzte sich in den Mundwinkeln
fest. „Friss nicht wie ein Schwein! Du wirst immer fetter, Kitty!“,
mahnte Linda. Sie schlang ihre schmalen Hände um die Taille.
Kittys Augen zogen sich zu
Schlitzen zusammen. Immer noch kauend spuckte sie: “Du
magersüchtige, einsame Schreckschraube, du! Halt einfach den Mund.
Im Gegensatz zu dir habe ich einen Lover, meine Liebe. Du bist ja schon
vertrocknet zwischen den Beinen, ha!“
Gerade wollte Linda
zurückschlagen, da öffnete sich die Tür. Christine stand
dort, die Kopfhörer auf den Ohren. Ihre Augen weiteten sich. Sie biss sich auf die Unterlippe,
begann mit zitternder Hand an einer Haarsträhne zu ziehen. Mit der
anderen drehte sie den Discman auf volle Lautstärke. Nur ihr
keuchender Atem und `Claire de Lune’ waren zu hören. Sonst nichts. Linda
und Kitty bewegten sich nicht. Dann brach der Sturm los. Christine riss
die Schreibtischlampe an sich und holte aus. Kitty ging in Deckung,
aber der Schirm aus Metall streifte ihren Oberarm. „Au!“, heulte sie
auf. Linda versteckte sich hinter ihrem Tisch, doch Christine hob den
Drehstuhl hoch und ließ ihn auf sie fallen. „Hilffeeee! Sie dreht
durch.“ Kitty jammerte und zitterte.
Christine erstarrte
augenblicklich, machte auf dem Absatz kehrt und begann ihren
Arbeitsplatz aufzuräumen.
Es dauerte lange, bis Linda
und Kitty sich wieder hervorwagten. Junior sagte zu alledem
nichts.
Die Tage bis zum Heiligabend
schlichen dahin. Sogar Kitty und Linda verbrachten die meiste Zeit an
ihrem Schreibtisch, zwischen ihnen und Christine herrschte eisiges
Schweigen. Sie arbeiteten verbissen über ihren Akten., doch bald
fingen sie zu tuscheln an. Ihr Thema war ein Collier von Bulgari, das
sich der Junior vor der Nase hatte wegschnappen lassen, weil ihm eine
Partie Golf wichtiger gewesen war, als das teure Stück rechtzeitig
zu besorgen. Er dampfte übelgelaunt vor sich hin.
Linda beobachtete Kitty
dabei, wie sie ihre Lade abschloss.
„Was tust du da?“, tuschelte
sie, „seit wann haben wir Geheimnisse voreinander?“ Kitty verdrehte die
Augen.
„Guck nicht immer so wie ein
Mops, der sich aufs Essen freut!“ Kitty zischte. Junior rief:
„Christine, kommen Sie bitte in mein Büro, ich möchte mit
Ihnen das Procedere mit den Mahnbescheiden durchgehen.“ Kaum war sie draußen,
grinste Kitty geheimnisvoll.
„Na los, jetzt sag schon, was
treibst du da?“
Kitty öffnete die
Schublade und hielt ihrer Kollegin ein paar Rechnungen vor die spitze
Nase.
„Und?“
„Naja, was glaubst du, wird
mit unserem Schatzilein passieren, wenn sie das da vergisst?“
Lindas Gesichtsausdruck
wechselte. „Boah Kitty, du besitzt wahrhaftig Sportsgeist. Du gibst nie
auf! Das hätte ich mich nicht getraut! Klasse! So hauen wir sie in
die Pfanne.“
Kittys Augen leuchteten vor
Stolz. Als sie ihre Beute, die bis zum 31. 12. spätestens um 23:59
als Mahnbescheide bei Gericht eingehen musste, wieder unter den
Bonbonnieren versteckte, griff sie nicht, wie üblich, zu. Lindas
Lob war süß genug.
Einen Tag vor Weihnachten gab
es wie jedes Jahr eine kleine Feier in der Steuerkanzlei. Christine
blieb über den Schlussbilanzen der Klientel sitzen. Aus dem
Chefbüro drang das aufgesetzte Gelächter der Belegschaft und
der Geschäftsfreunde. Sie drehte den Ton von ‚Claire de Lune’
lauter. Irgendwann kam Junior herein und legte ihr ein Präsent auf
die Akte, die sie bearbeitete. Christine zuckte zusammen, ihre
Augenlider flatterten, der Körper wurde starr. Dann
schüttelte sie ruckartig den Kopf.
„Christine, ich bitte Sie! Es
ist nur eine kleine Anerkennung für Ihre Leistungen. Machen Sie es
doch auf!“
„Ich kann das nicht annehmen.“
„Aber, meine Liebe. Dann
machen Sie es daheim unter Ihrem Baum auf. Ich muss wieder, sonst
stellen die mir alles auf den Kopf, der Champagner, Sie wissen schon
...“ Junior verließ das Zimmer.
Christine schob das
pinkfarbene Ding mit dem Bleistift vom Akt herunter an den Rand ihres
Schreibtisches, wo es kippte und zu Boden fiel. Etwas zerbrach und der
Duft von Rosen durchzog das Büro.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag
hatte Christine fast alles erledigt. Sie sperrte sorgfältig ab, da
die Kanzlei erst nach Silvester wieder geöffnet wurde, und huschte
zwischen den weihnachtsfrohen Menschen heimwärts in ihre kleine
Wohnung.
Doch Silvester war sie
bereits wieder im Büro, sah die Post durch und arbeitete das
Wenige auf, was übrig geblieben war.
Sie traf auf Junior, der Ruhe
vor seiner Frau suchte, die ihm wegen des Colliers permanent die
Hölle heiß machte.
„Ich arbeite noch etwas“,
sagte Christine.
„Ich auch.“ Junior starrte
hinaus in das Schneetreiben und schaukelte sich auf seinem
Lederdrehsessel in Harmonie.
Christine blickte immer
wieder zum Fenster, es krachte jetzt schon am frühen Nachmittag,
manchmal zischte und pfiff ein Feuerwerkskörper gen Himmel. Bei
jedem Knall krampfte sie sich zusammen, zog die Schulter bis zu den
Ohren hoch. Systematisch begann sie ihre Schubladen auszuleeren. „Ich
bleibe hier.“ Sie flüsterte alles Mögliche, als wolle sie
sich selbst beschwören, hörte ihre Musik, den Ton bis zum
Anschlag hochgedreht. Sie stapelte den Inhalt der Laden auf den Tisch.
Dann nahm sie Stück für Stück in die Hände,
begutachtete es und wies ihm seinen Platz im Schreibtisch zu. Dabei
stieß sie auf mehrere Rechnungen, die mit den anderen bei Gericht
als Mahnbescheide hätten eingereicht sein sollen.
Christine klopfte zaghaft.
„Immer herein!“
Sie hielt ihrem Chef die
Rechnungen entgegen.
„Die lagen in meinem
Schreibtisch. Ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung….“
„Aber nicht doch!“ Junior
reichte ihr ein Taschentuch mit zwei gekreuzten
Golfschlägern darauf. Er
blätterte den Stapel durch. „Ich kann mir schon denken, wie sich
das verhält.“
Christine streckte ihre Hand
nach seiner Schulter aus, nahm sie jedoch gleich wieder zurück.
„Diesmal sind sie zu weit
gegangen!“ sagte er mit schmalen Lippen. „Wir machen die Bescheide
jetzt fertig und ich werfe sie noch vor Mitternacht ein.“ Junior rief
seine Frau an und bedauerte, nicht eben überzeugend, dass er vor
Mitternacht nicht nach Hause käme.
„Christine, wenn nur ein
Drittel davon bezahlen, haben Sie mir den nächsten Golfturn nach
Florida gerettet.“ Er strahlte Christine an und drückte ihr die Hälfte
der Rechnungen in die Hand.
„Also los!“
Als Junior vom Gericht
zurückkehrte, umspielte ein böses Grinsen seine Lippen.
„Christine? Haben Sie noch etwas Zeit?“
„Ich bleibe sowieso hier, ich
kann die Knallerei nicht ertragen.“
Junior zuckte mit den
Schultern. „Umso besser, ich kann meine Frau nicht mehr ertragen!“ Er
lachte bitter. Als Christine ihn anstarrte, seufzte er und dirigierte
sie zur Tastatur. „Setzen Sie bitte zwei Kündigungen auf, die
längst überfällig sind.“ Er hielt inne. „Mögen Sie
Tee? Ich mache uns welchen.“
Christine nickte und tippte
los. Dann schrieb sie auf zwei Zettel: ‚Denke nicht ans Gewinnen, doch
denke darüber nach, wie man nicht verliert. (Gichin Funakoshi,
Vater des modernen Karate). Sie setzte ihre Unterschrift darunter und
schob sie in die Kuverts. .
Junior stellte die dampfende
Tasse neben den Bildschirm, sagte: „Ich danke Ihnen“ und griff nach
ihrer Hand , drückte sie. Christine entzog sie ihm.
„Nicht ... Nicht!“
wiederholte sie.
„Ist es, weil ich verheiratet
bin? Was sind Sie so herzergreifend altmodisch.“ Junior lächelte
zärtlich. Christine wurde zornig. „Ihre Frau ist mir egal!
Verdammt, Sie wissen doch, dass ich autistisch bin.“
Junior nickte zerknirscht.
„Mein Gott, von zehntausend
sind es mindestens zehn und kein Mensch weiß was darüber!“
„Ich hatte in den USA einen
Kommilitonen, der war auch so, aber ein Genie. Natürlich war er
nicht so schön, wie Sie es sind. Sie sind klug und sehen toll
aus“, stotterte Junior. Christine verdrehte die Augen.
„Herrje, ich bin kein
Einstein, nur eine gute Buchhalterin. Diese blöden Vorurteile,
nicht jeder Autist ist gleich entstellt, ein Genie oder geistig
behindert.“
„Nicht aufregen, Christine.“
„Entschuldigen Sie, ich will
mich aber aufregen.“
Das Telefon klingelte und
Junior kam wieder ins Stottern, als er mit seiner Frau sprach. Doch
allmählich hellte sich sein Gesicht auf, schließlich nickte
er euphorisch. Plötzlich hatte er es eilig. „Schließen Sie
gut ab und ein schönes Neues!“ Die Tür knallte. Christine
trank in Ruhe ihren Tee aus und freute sich auf ein neues Jahr. Als es
weit nach Mitternacht endlich ruhiger auf den Straßen wurde, zog
sie den Mantel über. Auf dem Weg nach Hause kam sie an einem
Briefkasten vorbei, warf die Kündigungen ein. Im Geiste richtete
sie ihr Büro ein.

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