Der Tanzpalast
(Inspiriert von dem Song Bills Ballhaus aus Happy End von Brecht/Weill)
Der schneeweiße Hosenanzug, der durch glänzende
Satinrevers an einen Smoking erinnert, ist für die magere Gestalt
zu weit, zu groß.
Ein heißer Windstoß fährt über den weiten Platz,
den Jenny überquert. Sie presst Jacke und Hose von vorne an ihren Leib,
während sich ihre Rückseite aufplustert. Jenny stemmt sich gegen
die Böe, sie ist schwach und zart geworden in letzter Zeit.
„Irgendwie halte ich das nicht mehr gut aus ...“, murmelt sie. Etwas
steif in den Beinen geht sie weiter. Es ist mehr ein Schlurfen, denn die
weißen Satinpumps sitzen nicht richtig, auch sie sind zu weit, zu
groß geworden. Jenny muss sich sehr konzentrieren auf ihrem Weg über
den prächtigen Hauptplatz, die Plaza Nueva, denn der Boden ist aus
glatt polierten Quadern. Sie fürchtet, auszugleiten. Der weiße
Strohhut rutscht bei dem nächsten Windstoß tief in ihr Gesicht,
das sowie so schon im Schatten der breiten Krempe liegt.
„Sogar der Schädel fängt an zu verschwinden ...“, sagt sie
und rückt den Hut wieder zurecht, damit sie ihren Weg fortsetzen kann.
Das Gebäude, dem sie nun langsam näher kommt, sticht aus dem
gediegenen, gutbürgerlichen Ensemble rund um den Platz hervor. Es ist
erst kürzlich renoviert worden. Verziert mit vielen Türmchen und
Balkons, sieht es aus wie eine Hochzeitstorte mit rosarotem Zuckerguss.
Jenny schüttelt den Kopf über diesen Anblick. Sie sagt: „Ja, sehr
alt sind wir in Wahrheit und müde, so müde ... wir sind maskiert,
damit niemand es bemerken kann, was wir so alles erlebten, überlebten.
Nur du und ich wissen noch, wie wir wirklich sind, hm?“
Die einstige Eingangstüre, die zuletzt nur noch halb geschlossen
werden konnte, weil sie aus der oberen Angel gerissen war, gibt es natürlich
nicht mehr. An ihrer Stelle prunkt ein prächtiges Glasportal, von dunklem
Mahagoni umrahmt.
Jenny ist erschöpft. Sie hat eine lange und anstrengende Reise
hinter sich. Dazu die Erregung, hierher zu kommen – zuletzt war sie vor
sechzig Jahren hier gewesen. Im Moment wünscht sie sich nichts anderes,
als in einem bequemen Fauteuil zu versinken und einen kühlen, sahnigen
Cocktail Blue Hawaii zu schlürfen. Früher gab es hier in diesem
Etablissement, das sie jetzt betritt nur Rum oder billigen Brandy.
Doch die letzten 6 Jahrzehnte hat sie in Brasilien als Ehefrau eines
emigrierten jüdischen Lungenarztes verbracht, der sie damals in diesem
Gebäude kennen und lieben gelernt hatte. Von da an verzichtete sie
ihm zuliebe auf den Brandy und lernte Cocktails zu schätzen. Ebenso
gab sie für ihn das Rauchen auf, sie hatte ihn sehr geliebt und war
ihm ihr Leben lang dankbar gewesen. Er kannte ihre Geschichte und hatte
sie trotzdem geheiratet.
Nun war er seit drei Wochen tot. Nach dem Begräbnis begab sie sich
auf diese Reise an ihre Geburtsstätte hier in Bilbao.
Der livrierte Portier hält Jenny die Tür zuvorkommend mit
einer Verbeugung auf. Nach der abendlichen Hitze, dem Wind umfängt
sie nun Kühle.
„Klimatisiert, oh du mein Gott - “, lächelt sie und betritt den
Saal. Ihre Füße versinken im plüschigen weinroten Teppichboden.
Jenny amüsiert sich über ihr eigenes Erstaunen. „Was ist?“, sagt
sie zu sich selbst. „Dachtest du wirklich, es würde wie damals sein?“
Nun steht sie inmitten des großen Tanzpalastes, wie Bills Ballhaus
jetzt heißt. Die Dimensionen scheinen sich völlig verändert
zu haben, obwohl der Saal bestimmt nicht kleiner geworden ist, denn die
Säulen und Fenster sind an derselben Stelle geblieben.
Eine elegante weitgeschwungene Bar mit Messingverkleidung nimmt ein
gutes Drittel des Raums ein, deswegen ist die Tanzfläche wohl so lächerlich
klein geworden, eine runde Platte, ebenfalls aus Metall, auf der höchstens
vier Paar tanzen können.
Ja, das Klavier. Es steht noch dort, wo es immer schon gestanden hat,
doch jetzt ist es ein eleganter schwarz glänzender Flügel statt
des alten Pianos.
Üppige weiche Sofas und Fauteuils im Farbton des Teppichs stehen
an den Wänden. Den rußenden, verschmutzen Petroleumlampen, die
mehr Schatten als Licht warfen, sind noble Wandleuchten gewichen, die alles
in warmes Licht tauchen.
„Das ist es schon. Eben anders.“, bestätigt Jenny sich selbst und
sucht sich einen Fauteuil nahe dem Klavier aus. Wohlig seufzend sinkt sie
in den weichen Samt. Sogleich steht ein Kellner mit dem Bestellblock neben
ihr. Jenny lacht: „Hoppla, so etwas bin ich hier nicht gewöhnt!“
„Wie belieben?“’, fragt der Kellner. „Nichts, junger Mann. In meinem
Alter neigt man zu Selbstgesprächen. Ich möchte einen Cocktail.
Schreiben Sie auf, was hineinkommen soll: 2 cl WeisserRum, 2 cl Cointreau,
2 cl Blue Curacao und 6 cl Sahne. Eis. Haben Sie Zigarillos da?“
„Selbstverständlich. Alle Sorten. Was darf es sein?“ „Egal. Bringen
Sie mir fünf Stück.“
Während sie auf die Bestellung wartet, sieht sie dem Pianisten
zu, der lustlos langweilige Schlager klimpert. Auch er sieht müde
aus und ist nicht mehr jung, aber um vieles jünger als Jenny.
Sie trinkt, dann erst legt sie den Strohhut ab und ordnet ihr hitzefeuchtes
Haar. Allmählich füllt sich der Tanzpalast mit Gästen. Diskrete
Blicke streifen die unbekannte alte Frau, die hustend ihren ersten Zigarillo
nach vielen Jahren raucht. Ohne den Hut ist ihr Gesicht schonungslos nackt.
Jenny ist zweiundachtzig Jahre alt und sieht aus wie hundert. Die Schminktechnik
ist unmodern – alle anwesenden Frauen hier sind im Naturlook zurecht gemacht.
Jennys blutrote Lippen und der rauchgraue Lidschatten, der sich im Seidenpapiergeknitter
der Lidfalte abgesetzt hat, wirkt deplaciert auf die Besucher. Doch
Jenny interessiert sich nicht für die teils mitleidigen, teils spöttischen
Blicke dieser Menschen, die in ihren Augen genau so langweilig sind, wie
der Rest dieses Etablissements.
Nach dem dritten Cocktail, dem zweiten Zigarillo ohne Hustenanfall,
fühlt sie sich soweit gestärkt, dass sie zum Klavier geht und
den Pianisten um eine Rumba bittet. Sie stellt sich in die Mitte der Tanzfläche,
die leer ist, und wartet darauf, dass der Klavierspieler beginnt. Jenny tanzt
anmutig mit ihrem imaginären Partner, der ganze Saal sieht zu.
Als die Rumba vorbei ist, gibt es anerkennenden Applaus, wo vorher Mitleid
und Belustigung für die merkwürdige Alte waren. Jenny geht es
gut.
Noch einmal spricht sie den Pianisten an: „Früher spielte hier
Joe. Er ist noch ein paar Jahre älter als ich. Kennst du ihn?“
„Joe? Klar! Der spielte hier, da war ich noch ein Kind. Es war uns streng
verboten, nur die Zehenspitzen hier hereinzusetzen.“, lacht er.
Sehr vorsichtig fragt Jenny, sie fürchtet die Antwort: „Lebt er
noch?“
Der Klavierspieler nickt. „Er sitzt im Rollstuhl und kommt nur noch
sehr selten hier vorbei – herein schon lange nicht mehr. Ich sehe ihn draußen
sitzen und dann fährt er wieder weg.“
„Ich möchte ihn noch einmal sehen ...“, sagt Jenny.
„Er wohnt nicht weit von hier ... wenn ihn ein Taxi bringt?“
„Bitte - “, lächelt sie.
Als der Rollstuhl bei ihrem Tisch stoppt, grinst das faltenzerfurchte,
ledrige, braune Gesicht Joes unter dem Panamahut: „Jenny, zum Teufel,
Jenny ...“
„Joe, verdammt ...“ Jenny wischt die Tränen weg.
„Was warst du doch einst für eine hübsche Hure, Jenny. Meine
Güte, bist du alt geworden ...“
Jenny lacht unwillkürlich angesichts der Komik dieser Worte. „Ja,
Joe, lieber Joe, hässlich, alt, so wie du. Weißt du, ich bin
glücklich.“
Sie nimmt seine Hand und streichelt sie.
„Ach du Scheiße, Jenny, dieser Anzug ... ist es der von damals?
Du hast ihn ja fast jede gottverdammte Nacht getragen!“
„Ja, Joe, genau diesen Anzug, nur habe ich ihn ausgefüllt seinerzeit,
was?“, lacht sie.
„Jenny, ich fragte mich immer, wie du das geschafft hast damals, dass
er so weiß bleiben konnte in dem Dreck hier?“
„Meerschaumpulver, Joe. Meerschaum draufgestreut am Morgen, dann schlief
ich wie ein Murmeltier meinen Rausch aus. Abends ausbürsten, Flecken
weg. Meerschaum saugt allen Dreck auf – allerdings nur aus Textilien ...“
Joe durchbricht das minutenlange Schweigen, das nun zwischen ihnen steht:
„Wohin bist du nur so plötzlich verschwunden, Jenny? Niemand wusste
etwas, als hätte dich der Teufel geholt. Was ja bei deinem Lebenswandel
durchaus hätte möglich sein können.“ Er grinst liebevoll und
streicht ihr über die Wange.
„Ach, Joe, das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir morgen.
Nein, es war nicht der Teufel. Er war mein Engel, sechzig Jahre lang, bis
vor drei Wochen.“
Jenny sieht Joe in die Augen: „Ich bin zum Sterben zurück gekommen.“
„Ich weiß, Jenny.“
„Joe? Mach die Musik von damals nach!“
Der alte Mann lächelt und rollt zum Klavier.
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